
Release Friday
16.01.2026
Soundtrack zum Untergang: Sleaford Mods – The Demise of Planet X
VÖ: 16. Januar 2026 | Label: Rough Trade Records
Man muss Jason Williamson lassen, dass er ein Händchen für Timing hat. Während die Welt da draußen weiter fröhlich in Richtung Abgrund taumelt, liefern die Sleaford Mods mit The Demise of Planet X pünktlich zum Jahresbeginn 2026 den passenden Soundtrack dazu. Es ist das 13. Studioalbum des Duos aus Nottingham, und wer dachte, der Zorn von UK GRIM (2023) hätte sich über die letzten drei Jahre gelegt, der irrt gewaltig.
Der Sound: Funk im Bunker
Andrew Fearns Beats waren schon immer das minimalistische Skelett, an dem sich Williamsons Tiraden abarbeiteten. Doch auf The Demise of Planet X klingt dieses Skelett überraschend „fleischig“. Tracks wie „Megaton“ oder „Flood The Zone“ haben einen unerwarteten Groove. Williamson fasst die Stimmung auf letzterem perfekt zusammen, wenn er über die Spaltung durch die Medienlandschaft ätzt: „You’re just scared to death through hate.“
Es wirkt, als hätten die beiden beschlossen, dass man zum Weltuntergang auch ein bisschen wippen darf. Es ist der musikalisch wohl vielseitigste Output der Band bisher.
Die Gäste: Hollywood trifft Nottingham
Die Gästeliste liest sich dieses Mal wie ein Fiebertraum eines Casting-Direktors. Der eigentliche Showstealer ist Gwendoline Christie (ja, Brienne von Tarth aus Game of Thrones) auf dem Opener „The Good Life“. Ihre Performance verleiht dem Song eine seltsame Verletzlichkeit, die man so bei den Mods selten hört: „I cry like a f**kin‘ child… like everyone else, I think there’s only pain in me.“ Zusammen mit dem Duo Big Special entsteht hier eine bizarre Hymne zwischen Performance-Art und Pub-Schlägerei.
Auch stark: Das Wortgefecht mit Sue Tompkins auf „No Touch“, wo sie Williamsons grimmige Fassade mit einem trockenen „You’re not miserable, you’re nice“ demontiert – worauf er natürlich nur ein trotziges „I’m not!“ entgegnen kann.
Lyrische Abrechnung
Inhaltlich bleibt Williamson der Chronist des britischen (und globalen) Elends. In „Elitist G.O.A.T.“ (feat. Aldous Harding) nimmt er die narzisstische Leere von Social Media aufs Korn: „Gotta be seen, I’m so showy / It’s about me, it ain’t about them.“
Die Texte sind dabei gewohnt surreal und bissig. Auf „Kill List“ liefert er eine dieser typischen Zeilen, die nur in seinem Kopf Sinn ergeben, aber sofort hängen bleiben: „Take your mum out for dinner / get her to WhatsApp you / in-between sheets of my paint thinner.“ Es ist diese Mischung aus Banalität und Bedrohung, die das Album so stark macht.
Fazit
Ist The Demise of Planet X das beste Sleaford Mods Album? Vielleicht nicht das roheste, aber sicher das ausgefeilteste. Es ist ein Album, das den Stillstand von UK GRIM hinter sich lässt und stattdessen die Energie des Zusammenbruchs nutzt.
Williamson bellt im Opener: „I’m not punching down, just gunna remove you from the equation.“ Genau das macht dieses Album. Es entfernt den Bullshit und lässt nur den harten Kern der Realität übrig.
Anspieltipps: The Good Life, Elitist G.O.A.T., No Touch
Das lange Warten hat ein Ende: A$AP Rocky – Don’t Be Dumb
VÖ: 16. Januar 2026 | Label: AWGE / RCA Records
Acht Jahre. In der Zeit, in der wir auf dieses Album gewartet haben, sind Regierungen gefallen, TikTok hat die Weltherrschaft übernommen und Rakim Mayers wurde zweifacher Vater und Mode-Mogul. Die Erwartungen an Don’t Be Dumb waren nicht nur hoch, sie waren eigentlich unerfüllbar. Doch jetzt, wo das Ding endlich da ist (pünktlich zum 16. Januar 2026), wird klar: Rocky hat nicht versucht, den Hype zu bedienen. Er hat ihn einfach ignoriert und stattdessen einen dunklen, experimentellen Blockbuster gedreht.
Der Sound: Tim Burton trifft Trap
Dass Tim Burton das Cover gestaltet hat, ist kein bloßes Gimmick – es ist die visuelle Entsprechung zum Sound. Das Album klingt wie ein expressionistischer Albtraum, der in einem New Yorker Kellerclub spielt. Der Opener „Order of Protection“ verzichtet auf Drums und lässt Rocky über düstere Loops über Gerichtsverhandlungen und Verrat sinnieren, bevor „Stole Ya Flow“ mit industriellem Lärm und aggressiven Snares alles niederwalzt.
Besonders spannend wird es, wenn Rocky seine Komfortzone verlässt. „Punk Rocky“ (schon vorab als Single veröffentlicht) flirtet, wie der Name andeutet, mit Post-Punk-Ästhetik, während „Whiskey (Release Me)“ dank eines Damon Albarn (Gorillaz) Features in eine melancholische, fast psychedelische Trunkenheit abdriftet.
Die Gäste: Ein wildes Potpourri
Die Feature-Liste liest sich wie ein algorithmischer Fehler, der seltsamerweise funktioniert. Tyler, the Creator ist natürlich dabei, aber die wirklichen Highlights kommen von unerwarteter Seite. Doechii liefert auf „Robbery“ einen der besten Parts des Albums ab; ihr Chemie mit Rocky ist elektrisierend, ein ständiges Hin und Her zwischen Flirt und Bedrohung über einem jazzigen Beat.
Und dann ist da noch der Moment auf „STFU“, wo die Metal-Band Slay Squad den Track übernimmt. Es ist laut, es ist chaotisch und es ist genau die Art von „Ghetto Metal“, die Rocky schon immer fasziniert hat.
Lyrische Abrechnung
Wer nach acht Jahren tiefschürfende Weisheiten erwartet, bekommt stattdessen Paranoia und Arroganz – aber in Bestform. Auf „Stop Snitching“ (feat. Sauce Walka) rechnet er mit der Industrie ab, und im brutalen „STFU“ gibt es keine Poesie, sondern nur die direkte Ansage: Ein hallendes „Shut the f**k up“, das als Hook funktioniert und jeden Kritiker mundtot machen soll.
Es geht viel um Vaterschaft, aber weniger im Sinne von „Windeln wechseln“, sondern eher im Sinne von „Vermächtnis schützen“. Rocky rappt nicht mehr, um berühmt zu werden; er rappt, um seinen Status zu zementieren.
Fazit
Don’t Be Dumb ist kein perfektes Album. Es ist sperrig, manchmal überladen und verlangt dem Hörer einiges ab. Aber es ist mutig. Rocky hätte leicht ein Album voller Radio-Hits machen können. Stattdessen hat er ein Werk geschaffen, das knarzt, dröhnt und sich weigert, gefällig zu sein.
Es ist das musikalische Äquivalent zu einem dieser avantgardistischen Outfits, die er auf der Met Gala trägt: Nicht jeder versteht es, aber niemand kann wegsehen.
Anspieltipps: Robbery, Stole Ya Flow, Whiskey (Release Me)

