
Erykah Badu ist zurück: „Before the World Blows“ beendet 16 Jahre Warten
Nach anderthalb Jahrzehnten Funkstille veröffentlicht die Neo-Soul-Ikone ein gemeinsames Album mit Hip-Hop-Produzent The Alchemist – verspielt, psychedelisch und bewusst unfertig.
Es gab lange gute Gründe, skeptisch zu bleiben. Im März 2025 hatte Erykah Badu erstmals verraten, dass sie an einem Kollaborationsalbum mit dem Rap-Produzenten The Alchemist arbeitet – seither hatte es keine Platte von ihr gegeben, seit New Amerykah Part Two (Return Of The Ankh) 2010, und kein albumlanges Werk seit dem Mixtape But You Caint Use My Phone von 2015. Ein Veröffentlichungstermin im August 2025 verstrich. Eine erste Single erschien und blieb ohne Nachfolger. Auf Bandcamp lief das Projekt zeitweise unter dem Platzhaltertitel, man habe leider noch keinen Albumtitel.
Seit dem 28. August 2026 ist die Wartezeit vorbei. Before the World Blows: The Abi and Alan Experiment ist digital über Control FREAQ Records / Young Recordings erschienen, executive-produziert von Badu, ko-produziert von beiden Künstlern und über 18 Monate zwischen Dallas und Los Angeles aufgenommen. Der Titel spielt auf die bürgerlichen Namen der beiden an – Erica Abi Wright und Alan Maman.
Der Ursprung: ein Mobb-Deep-Beat
Die Entstehungsgeschichte ist fast beiläufig. Badu hatte ihrem Partner Cold Cris erzählt, sie habe schon immer über Mobb Deeps „The Realest“ rappen wollen – eine rohe Alchemist-Produktion von 1999. Die erste gemeinsame Session in Los Angeles brachte „Next to You“ hervor und legte damit das Fundament für das Album.
Der Alchemist schickte Badu daraufhin eine Sammlung von Instrumentals, die sie zerlegte und zu eigenen Stücken umbaute – seine warmen, druckvollen Samples ergänzt um Kalimba, Akkordflächen und Drums. Das Ergebnis bewegt sich fließend zwischen Soul, Blues, Funk, Rock, Jazz und Underground-Hip-Hop, ohne sich einem dieser Genres zuzuordnen.
Wichtig war Badu dabei die Frage, wem das Album gehört. Kurz vor Erscheinen stellte sie in einem Video klar, dass sie die Executive Producerin sei und von der Idee bis zum Mix beteiligt war – und widersprach damit der Lesart, dies sei ein Erykah-Badu-Album, das der Alchemist produziert habe.
Ein Gästebuch aus allen Ecken der schwarzen Musik
Die Feature-Liste liest sich wie eine Karte quer durch Rap, R&B und Jazz:
- Steve Lacy und Thundercat
- Earl Sweatshirt und Westside Gunn (mit zwei Auftritten)
- Jazz-Saxofonist Kamasi Washington
- DRAM, DJ Creole Princess und Badus alte Weggefährtin Joi
Auffällig ist, wie viel Badu hier rappt. Sie tut es fast so oft, wie sie singt – allerdings in einer trägen, flüsternden, melodischen Form, die vom Gesang kaum zu unterscheiden ist. Mehrfach spielt sie auf Outkast-Zeilen ihres Ex-Partners André 3000 an, und in einem Stück ruft sie schlicht all die Rap-Produzenten aus, von denen sie gern Beats hätte. Das Album wirkt entsprechend unverankert und gesprächig, wie eine lange Nacht ohne festen Plan.
Herausragend ist für viele Kritiker das späte „Black Box“. Der afrofuturistische Psych-Jazz-Track basiert auf einem Sample von „Ouagadougou“ (1978) von Mickey Baker und der Alex Sanders Funk Time Band; Badus Bewusstseinsstrom nutzt die Blackbox als Metapher für Portale, Telefonsucht und Kapitalismus, während Kamasi Washington flirrende Saxofon-Akzente setzt. Daneben werden „Witch Doctor“, das mit Steve Lacy aufgenommene „To the Moon (Plan C)“, „No I.D.“ und „I Just Play a Part“ regelmäßig als Höhepunkte genannt.
Live erprobt, ohne Handys
Ungewöhnlich war schon der Weg zur Platte. Zwischen 2024 und 2025 testeten Abi und Alan das Material live in intimen, handyfreien Konzerten – mit Badus Kollektiv The Cannabinoids und dem Alchemist an der MPC. Der eigentliche Rollout begann dann mit kryptischen „One More Song…“-Plakaten in Sydney, Melbourne, London, Paris und New York, die Fans über eine Spur von Hinweisen zum Albumtitel führten; parallel startete das interaktive Format Badu Burner Phone.
Kein Konsens, aber viel Bewegung
Die Reaktionen fallen auseinander – was zu einer Platte passt, die sich Zugänglichkeit bewusst verweigert. Eine Kritik beschreibt das Album als vielschichtiges Epos, das sich wie eine dunstige durchgemachte Nacht entfaltet, und ausdrücklich nicht auf sofortige Befriedigung oder große Hooks setzt. Andernorts wird der psychedelische Neo-Soul-Sound mit seinen seltsamen Texturen und unerwarteten Momenten als angenehm sperrig gelobt. Es gibt aber auch Stimmen, die das Album für zu beiläufig halten – und die Kritik an den KI-generierten Visuals zur Single „Next 2 U“ ist bis heute nicht verstummt.
Badu selbst scheint das wenig zu beunruhigen. Im Interview mit dem Guardian bezeichnete sich die 55-Jährige als ein sich ständig veränderndes Gefäß.
Live 2026
Die gemeinsame Tour startet am 10. September in Highland Park, Illinois, und führt unter anderem über Detroit, Toronto, Cleveland, Queens, Denver und Berkeley bis zur Hollywood Bowl in Los Angeles am 29. September. Auf den meisten Terminen ist De La Soul dabei, in Berkeley und Los Angeles Smino. Laut Label sollen in den kommenden Monaten auch Termine in Großbritannien und Europa folgen – konkrete Daten für Deutschland stehen bislang aus.

