
Release Friday
06.03.2026
Mehr als nur gute Absichten: Der HELP(2) Sampler ist ein historisches Statement
VÖ: 6. März 2026 | Label: War Child Records
Es gibt Charity-Alben, die klingen wie eine lieblos zusammengewürfelte Resterampe aus B-Seiten, bei der sich die Künstler ein schnelles Gewissen erkaufen wollen. Und dann gibt es HELP(2). Gestern ist die offizielle Fortsetzung des legendären 1995er War-Child-Samplers erschienen – und verdammt, diese Platte ist ein absolutes Monument. Während die Welt 2026 politisch weiter brennt und erschreckenderweise jedes fünfte Kind in einem Kriegsgebiet aufwächst, hat Produzent James Ford die absolute Elite der aktuellen Musikszene in den Londoner Abbey Road Studios zusammengetrommelt.
Keine Wegwerf-Tracks: Die Magie der Kollaboration
Charity-Sampler stehen und fallen mit der Qualität und der Exklusivität der Songs. Hier wurde nicht einfach nur in den Archiven gekramt, hier wurde kollaboriert. Der Opener „Opening Night“ von den Arctic Monkeys ist ein direkter Punch, der musikalisch fast schon wohlige Erinnerungen an ihre kratzige AM-Ära weckt. Aber die wirklichen Kinnladen-Runter-Momente passieren, wenn Welten aufeinanderprallen. Auf „Flags“ tun sich Damon Albarn, Fontaines D.C.-Frontmann Grian Chatten und Kae Tempest zusammen – ein Track, der so intensiv und dringlich ist, dass er einem fast die Luft abschnürt.
Cover-Versionen und Legenden-Status
Es ist absurd, wie dicht diese Tracklist gepackt ist und wie mühelos hier Generationen verbunden werden. Depeche Mode liefern eine erdrückende, dunkle Version von „Universal Soldier“, Fontaines D.C. nehmen sich Sinead O’Connors „Black Boys on Mopeds“ vor, und Pulp steuern das fantastische „Begging for Change“ bei. Selbst Oasis haben für die physische Version eine exklusive Live-Aufnahme von „Acquiesce“ (vom Wembley-Konzert ’25) aus dem Ärmel geschüttelt. Und wem das alles zu britisch-rockig ist: Olivia Rodrigo schließt das Album mit einer herzzerreißenden Interpretation von „The Book of Love“ ab.
Die Message: Kaufen, nicht streamen
Man kann über den Sinn von Popmusik in Krisenzeiten streiten. Ein Song hält keine Panzer auf. Aber HELP(2) macht keine leeren Versprechungen, sondern sammelt harte Fakten und dringend benötigte Gelder für War Child UK, um Kindern in Konfliktgebieten Nothilfe, Bildung und psychosozialen Schutz zu bieten. Sämtliche Einnahmen gehen komplett an die Organisation. Deshalb gilt hier die alte Schule: Geht in den Plattenladen, bestellt euch das Doppel-Vinyl oder die CD. Diese Platte streamt man nicht einfach nebenbei weg, man stellt sie sich als Mahnmal und Meisterwerk ins Regal.
Fazit
Ist HELP(2) der wichtigste Sampler des Jahres? Ohne Frage. Er fängt den Zeitgeist ein, schlägt eine Brücke von Beth Gibbons bis The Last Dinner Party und liefert musikalisch auf einem Level ab, das man von solchen Riesenprojekten kaum noch kennt. Ein wütendes, trauriges und doch extrem lebensbejahendes Album.
Anspieltipps: Flags, Opening Night, The Book of Love, Black Boys on Mopeds
Tracklist: HELP(2) – War Child Sampler
- Arctic Monkeys – Opening Night
- Damon Albarn, Grian Chatten & Kae Tempest – Flags
- Black Country, New Road – Strangers
- The Last Dinner Party – Let’s Do It Again!
- Beth Gibbons – Sunday Morning
- Arooj Aftab & Beck – Lilac Wine
- King Krule – The 343 Loop
- Depeche Mode – Universal Soldier
- Ezra Collective & Greentea Peng – Helicopters
- Arlo Parks – Nothing I Could Hide
- English Teacher & Graham Coxon – Parasite
- Beabadoobee – Say Yes
- Big Thief – Relive, Redie
- Fontaines D.C. – Black Boys On Mopeds
- Cameron Winter – Warning
- Young Fathers – Don’t Fight The Young
- Pulp – Begging For Change
- Sampha – Naboo
- Wet Leg – Obvious
- Foals – When The War Is Finally Done
- Bat For Lashes – Carried My Girl
- Anna Calvi, Ellie Rowsell, Nilüfer Yanya & Dove Ellis – Sunday Light
- Olivia Rodrigo – The Book Of Love
Bonus / Hidden Track (auf der physischen 7″-Beilage bzw. CD):
Oasis – Acquiesce (Live from Wembley Stadium, 28 September ’25
Ein musikalisches Gipfeltreffen mit Geistern: Gorillaz – The Mountain
VÖ: 27. Februar 2026 | Label: KONG
Wenn eine virtuelle Band ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, könnte man erwarten, dass die Luft langsam raus ist. Nicht so bei Damon Albarn und Jamie Hewlett. Mit The Mountain (auf dem Cover passend als पर्वत in Devanagari stilisiert) liefern die Gorillaz ihr neuntes Studioalbum ab – und ganz nebenbei ihr bestes seit Plastic Beach. Es ist das erste Release auf ihrem komplett eigenen Label KONG nach dem Weggang von Warner, und diese neue Unabhängigkeit hört man jeder Sekunde dieses massiven, 15 Tracks starken Epos an.
Der Sound: Zwischen Sitar und Acid House
Aufgenommen in Studios von London bis Neu-Delhi und Rajasthan, atmet das Album eine globale Weite. Albarn verwebt indische Klassik-Instrumente wie Sitar, Tambura und Bansuri völlig organisch mit dem typischen Gorillaz-Synth-Pop. Auf „The Plastic Guru“ duelliert sich eine Sitar mit der Gitarre von Legende Johnny Marr, während „Damascus“ (feat. Omar Souleyman und Yasiin Bey) uns geradewegs in einen treibenden Arabic-Acid-House-Rave wirft. Es ist musikalisch völlig drüber, aber im Gegensatz zu manch anderem Gorillaz-Album zerfällt The Mountain nicht in eine wilde Playlist, sondern bleibt von vorne bis hinten kohärent.
Die Gäste: Ein Séancetisch der Legenden
Die Gästelisten der Gorillaz waren schon immer absurd, aber dieses Mal grenzt es an eine musikalische Séance. Albarn hat alte Aufnahmen von verstorbenen Freunden und Weggefährten wie Bobby Womack, Mark E. Smith, Tony Allen, Dennis Hopper und De La Souls Dave Jolicoeur ausgegraben. Wenn Mark E. Smith sich rotzig durch den Refrain von „Delirium“ schnarrt oder Proofs (D12) Stimme auf „The Manifesto“ aus den Boxen knallt, klingt das nicht nach billiger Leichenfledderei, sondern mächtig und lebendig.
Dazu gesellen sich lebende Kontraste: Sparks auf der herrlich zynischen Pop-Perle „The Happy Dictator“, Produzenten-Schwergewicht Bizarrap auf „Orange County“ und ein wunderbar düsterer Joe Talbot (IDLES), der auf „The God of Lying“ über einen chaotischen Lo-Fi-Reggae-Beat rumpelt.
Melancholie auf dem Dancefloor
Hinter der bunten, weltumspannenden Fassade verbirgt sich jedoch tiefe Trauer. Inspiriert vom kürzlichen Tod der Väter von Albarn und Hewlett, ist The Mountain ein Album über Verlust, Vermächtnis und das Abschiednehmen – das aber seltsamerweise oft unfassbar euphorisch klingt. Auf „Orange County“ singt Albarn herzzerreißend „The hardest thing is to say goodbye to someone you love“, während darunter ein schon fast unverschämt fröhlicher Beat pocht. Es ist dieser klassische Gorillaz-Kontrast: Weinen auf dem Dancefloor.
Fazit
The Mountain ist kein Album für den kurzen TikTok-Snack. Es ist ein dichtes, ambitioniertes Werk, das den Tod akzeptiert und das Leben stattdessen mit einer riesigen, globalen Blockparty feiert. Wer dachte, das Konzept der virtuellen Affen hätte sich totgelaufen, wird hier eines Besseren belehrt.
Anspieltipps: The Happy Dictator, Orange County, The God of Lying

